Tourtagebuch von Torsten
(Bild anklicken)

16. März 2001: Hermsdorf, Jugendhaus

Liebes Tourtagebuch!

Wir dachten wohl alle, ab dem 28. Februar wird alles ganz einfach. Aber Zeit addiert sich halt nicht zu Nichts. Wir sind aber gescheiter und machen darum einfach immer weiter und kurz nach Oschersleben tut’s auch kaum noch weh. Die Grätenkinder sind also auf der Straße und die weißen Spurstreifen heften sich an die Reifen unserer silbergrauen Caravelle. Der Himmel präsentiert sich in derselben Farbe wie der Tourbus, der noch kurzfristig heute morgen gemietet werden musste, weil der billige Unterwegs-Bus gestern kaputt gegangen ist. Herr Willi Nies wird 350 Mark (Westgeld) für sein VW-Schmuckstück bekommen und Spritgeld kommt noch oben drauf ... Naja, Chrissis und Floris Eltern beteiligen sich mit jeweils fuffzsch Mack an dem vermutlich entstehenden Haushaltsloch in der eh schon arg gebeutelten Omnidor-Kasse. Das ist sehr nett, aber eigentlich muss das auch anders gehen ...

Die Landschaften im Osten blühen gar nicht und Helmut Kohl sitzt immer noch nicht im Knast ... doch, da sehe ich einen Krokus!

Hermsdorf hat bloß ’nen Kreis im Atlas, sogar Königslutter hat einen weißen Punkt. Ich bin sehr gespannt. Das Schiller’s in Uelzen, wo wir morgen hinfahren, ist ja schon von der TCHi-Tour bekannt, aber in Thüringen war ich noch niche.

die sprechen schon deutsch, das sind schon Deutsche ... Vielleicht sehen wir Störche.

Als wir die Sales-Managerin von der Schule abholen, fühlt es sich gut an, weil wir - das Autoradio voll aufgedreht und die Fenster offen - die 5FREUNDE aus Hamburg hören und die gerade in dem Moment, wo die Schülerchens rausströmen immer wieder singen Liebling, lass uns Waffen klauen und dann den Staat zu Schrott zerhauen!!! - Das war er, ich bin mir sicher, das war der "Pop-Moment". Wir sind zwar auch nur so ein Klüngel-Grüppchen wie der VW-Golf-Club Thune e.V. oder so, aber wir haben:

a) die bessere Musik
b) (mit Flori) die Weisheit gepachtet und
c) ein geiles Wochenende mit den Grätenkindern vor uns. Also, fickt Euch!

Und jetzt gibt’s Proviant. Da fällt mir auf, ich habe noch kein Bier in diesem Auto gesehen. Ein Anfang?

Hit the road, Jack! And don’t you come back no more, no more, no more, no more läuft gerade im Autoradio. Hoffentlich denken das Mike und die anderen Hermsdorfer nicht über uns, denn das Jugendhaus war in allen Bereichen "endgeil!" und wenn die anderen Omnidor-Bands dort auch spielen könnten, wäre das sehr fein.

der Omnidor KickerAls wir ankamen, waren alle ein bisschen gelähmt und sahen aus, als ob die GTK-Tour schon 3 Monate läuft, dabei war die Fahrt nach Thüringen eigentlich sehr schnell rum. Es gibt in Hermsdorf zwar einen Kicker, der zumindest bei einigen von uns den Regen vom Gesicht hätte nehmen können, aber leider stand das Krökelgerät hinter dem Mischertisch (!) eingeklemmt. Also keine FK-Omnidor-Hallentrainingseinheit und stattdessen rumsitzen im Bandwohnzimmer mit unglaublichen Zeichnungen und Sprüchen an den Wänden. Ein Favorit:

Nazis sind tot! Skinheads sind krank! Die Haare (geil) hoch! Es lebe der Punk!

Gut sind ja auch immer wieder welche wie:

I’ts my life oder Christin + Mandy = Mandy.

Auch sehr erheiternd wirkt das winzig abgedruckte GTK-Pressefoto im Veranstaltungskalender Saale-Holzland mit der Ankündigung: Konzert mit Die Grätzekinder

Dann endlich Essen, kein Reis mit Scheiß, und danach dann endlich Schweiß ... Naja, nee, halt, erst noch mal andertalb Stunden chillen (!), d.h. Flori schläft noch’n Stündsken! Als es dann endlich losgeht, ist der Handwerkergitarrist noch etwas benommen und der Parolenregen zwischen den Liedern beginnt erst so nach dem 3. Lied. Dann gibt’s aber auch echt was nachzuholen und, ich weiß nicht, ob Du’s schon wusstest, aber Deutschland ist immer noch faschismusfähig!!! Ich tanze, höre, gucke, staune und suche die ganze Zeit Floris Löffel. (Wahrscheinlich steckt er im Enddarm!)

Es sind so 100 Leute anwesend und die sind alle richtig nett. Es gibt Applaus an den richtigen Stellen, Pogo, bei dem keiner auf die Fresse verdient und überhaupt allgemeine Heiterkeit und Gejohle. Geilgeilgeil. Als nach dem Auftritt noch Wut im Wanst von Schleimkeim und ähnliche Kaliber gespielt werden, tanzen die Leute einfach weiter. Man bekommt den Eindruck, dass der Punk hier noch zuhause ist und das ist irgendwie sympathisch.

Es werden dann noch ein, zwei Kirschsaft geschlürft, Autogrammwünsche erfüllt (in echt!), Marion verkauft in nullkommanix 10 CD’s und das Problem mit dem teuren Tourbus löst sich ganz schnell, als Macher-Mike die Kasse nimmt und so wie sie ist in Heines (gierige) Tasche schüttet. Das ist zwar nicht wirklich wichtig, aber in Wahrheit ist es supergeil. Danke dafür!

Um 22.10 Uhr haben sich dann alle die Zähne geputzt und die Schlafanzüge angetan. Ich weiß nicht, ob Marions kuschelig-karierter Zweiteiler mich mehr anmacht oder Floris grün-lila-gestreifte, extrem knapp geschnittene Gemächtbedeckung. Ich verstecke meine Erektion in meinem Schlafsack und bin gerade am Einschlafen, als draußen ein einheimischer, weicher Weckmann-Punker ans Fenster klopft und ins Wohnzimmer rein will, weil seine Freunde ihn im Regen stehen ließen und er gar nicht wisse, wo er sein Haupt betten solle. Marion-mit-dem-großen-Herzen hat ihn dann zum Fenster reingezogen und ihm seinen Platz zum Abmatten (!) gewiesen. Der Blödmann hat sich dann noch ein Gutenachtpils öffnen lassen, das wir morgens unberührt vorgefunden haben. Blödmann.

Außerdem hatte sich der Tüpp dazu entschlossen, seinen (meine Mutter würde sagen:) quackigen Prachtkörper um 4.00 Uhr, als ich gerade das erste Mal richtig tief weg war, auf mich drauf zu platzieren. Ich war so überrascht, dass ich nur sagen konnte: "Güddel hilf!!!"

Ob dieser - im wahrsten Sinne des Wortes - plumpen Anmache bin ich dann kurzfristig ausgezogen und sieben Stunden später gab es sehr gutes Frühstück. Tschüß und "Man sieht sich!" (Auch so eine "Parole", die gar keine ist ...)

Zurück zur Chronik